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Trainingsplan eines Reha-Patienten in Phase 2 und didaktischer Kommentar + weitere Trainingsplanung Bericht als PDF-Datei anzeigen Diesen Bericht drucken
Geschrieben von Jan-Hendrik Kummert   
 
am 02-02-2011 12:24

Didaktischer Kommentar zu den Inhalten des Trainingsplans eines Reha-Patienten in der ambulanten Rehabilitation (Phase 2 Rehaplan) sowie die weitere Gestaltung in den Phasen 3-5)

Vorwort: Bei dem Patienten (Probanden) handelt es sich um einen 37-jährigen Ex-Sportler. Oliver (Name geändert, die Red.) hat in seiner sportlichen Laufbahn Fußball in der Oberliga gespielt (Hamburger Fußball Verband) und damit auf einem sehr hohen Niveau mit ca. 3-4 Trainingstagen in der Woche + Spiel am Wochenende. Seine Position war die des Torwarts.

2006 hat der Proband seinen ersten Bandscheibenvorfall erlitten, der auch operiert wurde. Danach hat er mit dem Fußball spielen wieder angefangen und er war lange schmerzfrei. Im Juni 2010 wurde ein zweiter Vorfall diagnostiziert, der nicht operiert wurde. Von Juni bis Anfang Oktober waren die Schmerzen so stark, dass Oliver außer Dehnen keine sportlichen Bewegungen ausüben konnte. Im September bekam er Akupunktur in der Praxis Hollmann in Hamburg-Blankenese, so dass die Schmerzen besser wurden. Seit Ende November befindet sich Oliver bei uns in der ambulanten Rehabilitation.

Bei „normalen“ Tätigkeiten hat der Proband z.Z. nach e.A. zu 95% keine Schmerzen und nimmt auch keine Medikamente ein.

Seine Ziele sind:

- in der Zukunft wieder schmerzfrei zu Joggen
- Kraftzuwachs in allen Körperregionen
- Abbau Übergewicht (leicht)
- ADL-Problematik (schwere Taschen mit Schuhen tragen, langes Sitzen im Auto) entgegenzuwirken und
- natürlich in der Zukunft grds. weniger Schmerzen und keine neuen Bandscheibenprobleme auftreten zu lassen

Trainingsplangestaltung

Grundsätzlich muss der Patient das Training ohne Schmerzmittel durchführen, da der Schmerz immer ein eindeutiges Zeichen einer Fehlbelastung ist. Darüber wurde er informiert und führt dies auch entsprechend durch.

Allgemeines Aufwärmen (Cardio), Aufwand ca. 10-15 Minuten:

Da Oliver das große Ziel anpeilt, wieder Laufen (Joggen) zu können, sollte auch entsprechend das Laufband Vorrang haben gegenüber anderen Cardio-Geräten. Aufgrund der Stoßbelastungen und dem dadurch entstehenden Druck auf die Wirbelsäule muss aber ein behutsames Aufbautraining erfolgen. Der Proband hat seit November 2010 (Beginn Reha) bis heute (Mitte Januar 2011) kontinuierlich die Geschwindigkeit und die Steigung erhöht. Schwerpunkt des Laufens ist aber im Abschlussteil des Trainings zu finden, da genügend Energie für das Krafttraining vorhanden sein muss (dort gehe ich noch einmal genauer auf die zukünftige Laufstrategie von Oliver ein). Zudem ist der Crosstrainer auch eine sehr gute Alternative zur Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems, Gewichtsreduzierung, weniger Stoßbelastungen und wirkt gegen ein zu monotones Aufwärmen (sprich nur Laufen).

Spezielles Aufwärmen, Aufwand ca. 10 Minuten:

Im Hauptteil wird für den Probanden ein ganzheitliches Aufbauprogramm zur Stärkung der Kraft (im Vordergrund Kraftausdauer), zur Verbesserung der Koordination bzw. Propriozeption sowie Übungen, die dem Alltag gerecht werden, erstellt. Dementsprechend wird die Muskulatur in diesen Bereichen vor dem Training gedehnt. Vor jeder Einheit (Station oder Übung) müssen die kommenden Bewegungsabläufe geplant und die betroffenen Muskeln, Bänder, Gelenke...darauf eingestellt werden. So sollte z.B. bei den Kraftstationen in der ersten Serie nur mit 50% des Maximalgewichts gearbeitet werden.

 

Hauptteil des Trainingsplans in der Rehabilitation:

Insgesamt erhält der Proband in einer kompletten Trainingseinheit 11 Übungen. Dabei findet das Training an unterschiedlichen Kraftstationen (4 Trainingsgeräte) statt, 2 Freihantelübungen, 1 Übung mit Pezziball sowie 4 koordinative bzw. propriozeptive Übungen. Es wird ein Kreistraining durchgeführt, da dieses sich besonders zur Schulung der Kraftausdauerleistungsfähigkeit eignet, in dessen Stadium sich der Patient noch befindet (Übergang zur Phase 3). In Zukunft wird das Stationstraining angewandt, wo die Hypertrophie der Muskulatur im Vordergrund steht. Der Proband hat ca. 1,5 bis 2 Stunden Zeit und kann 2x pro Woche erscheinen.

4 wichtige Faktoren zum Fitness-Trainingsplan in der Rehabilitation

Zum einen ist das Training natürlich auf das Beschwerdebild „Bandscheibenvorfall“ fokussiert, zum anderen aber auch auf das „Ziel Laufen“, sowie „Alltagsbelastungen vorbeugen“ und auf die Ergebnisse,  die sich in den Funktions-Testungen ergeben haben.



Übungen (mit 15-20 Wiederholungen in 3 Serien, koordinative und propriozeptive bzw. sensomotorische Übungen möglichst am Anfang des Trainings, da die Frische und Konzentration sich hier auf höchstem Niveau befindet):

Geräte (Kraftstationen) (1-5)

1. Beinpresse gerade im Sitzen: Um den hohen Druckbelastungen der Gelenke der unteren Extremitäten entgegenzuwirken, ist eine gut ausgebildete Ober- und Unterschenkelmuskulatur notwendig. Dies ist für den Probanden wichtig, da gerade beim Laufen der Quadrizeps femoris und der gastrocnemius gefordert sind, die mit der Beinpresse gut trainiert werden.
Zudem hat der Patient das Fußballspielen noch nicht gänzlich abgeschrieben. Auch hier kann die Beinpresse die besonders geforderte Muskulatur trainieren. Zudem hat die Testung ergeben, dass der Schollenmuskel verkürzt ist. Dieser wird zuvor im Vierfüsslerstand mit gestrecktem Bein distal gedehnt.

2.+3. Kniestrecker/Kniebeuger:  Auch hier wird die vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur trainiert, die für die von Oliver favorisierten Sportarten sehr wichtig ist. Besonderer Vorteil: Die Kniestreckbewegung ist m.E. die einzige Bewegung, die den Quadriceps wirklich effektiv in der Endstreckung trainieren kann (was z.B. für Fußballer wichtig ist).
Ausführung: Kniegelenksdrehachse auf Drehachse des Geräts, Ausführung kontrolliert ohne Schwung und ohne Ausweichbewegungen. Voraussetzung der Durchführung ist natürlich ein gesundes Kniegelenk, die der Proband auch erfüllt (z.B. keine Kreuzbandläsionen, keine Erkrankungen des Gelenkknorpels etc.). Zudem hat die Testung eine Verkürzung des Beinbeugers ergeben

4. Rückenstrecker: Mit dem Rückenstrecker wird die autochthone Rückenmuskulatur angesprochen vom Becken entlang der kompletten Wirbelsäule, bis hoch zum Kopf und dient primär der Aufrichtung und Stabilisierung der Wirbelsäule.

5. Crunches mit Pezziball: Analog zur Stärkung der Rückenmuskulatur muss Oliver auch die „antagonistische“ Bauchmuskulatur stärken. Mit dem Rücken auf der Matte liegend, Beine angewinkelt, Pezziball hinter Kopf, Beine werden zum Bauch geführt, Ball zu den Knien, LWS bleibt auf dem Boden

6-7. Freihanteltraining


7. Shrugs mit Langhantel hinter dem Körper: Trainiert wird hier der obere Teil des Kapuzenmuskels, da der Proband beim Autofahren über HWS-Probleme klagt (ADL). Da der Proband bei der Testung eine schlechte Rotation der HWS nach links aufweist, wird diese Übung ihn stabilisieren. Zuvor erfolgt eine statische Stabilisation der HWS-Rotatoren (eine Hand an die Stirn, die Andere an den Hinterkopf, behutsam mit den Händen den Kopf minimal drehen, der Kopf hält statisch dagegen).

8. Hanteln seitlich vom Körper strecken und wieder zum Körper führen: Zur Stärkung des Delta, des bizeps b. und des trizeps b. Zudem geht Oliver 5 Minuten auf dem Laufband mit den Hanteln, um das schwere Tragen während seiner Arbeit „künstlich“ darzustellen (ADL). Dabei ist auf die korrekte Haltung zu achten (kein Hohlkreuz, Brust raus, Kraft kommt aus der Oberarm+Schultermuskulatur).

9.-12.: Sensomotorische, propriozeptive bzw. koordinative Einheiten

Um die Gleichgewichtsfähigkeit bzw. die Körperwahrnehmung von Oliver zu schulen, habe ich einige Übungen für ihn zusammen gestellt. Damit sollen sowohl die Bewegungsabläufe als auch die Sturzprophylaxe verbessert werden.

9. Stand halten: Einbeinstand auf instabiler Unterlage (z.B. Balance Pad). Nach oben schauen und den Stand halten. Der Trainer „irritiert“ den Patienten durch z.B. Berührungen oder laute Signale. Wichtig ist dabei, dass ersich nicht auf bestimmte Bewegungen einstellen kann sondern immer wieder neu gefordert wird. Nur so ist ein propriozeptives Training sinnvoll.

10. Laufen auf mehreren (4) instabilen Unterlagen (Kissen wie z.B. Airex Balance Pad): Dafür brauchen wir Platz. Auf einer ca. 30 Meter langen Bahn werden die Kissen verteilt und Oliver soll „normal“ Joggen und dabei mittig auf den Kissen landen.

11. Propriomed I (oberhalb der Kniegelenke): Der Propriomed ist ein sehr gut geeignetes Gerät zur Schulung der Propriozeption. In Übung I wird der Oberkörper leicht nach vorne geneigt, leicht in die Knie gehen, der PPM wird nun durch Vor- und Rückbewegungen der Hände oberhalb der Kniegelenke bewegt

12. Propriomed II (über dem Kopf): Hier steht der Patient sehr leicht nach vorn gebeugt, der PPM wird über den Kopf gehalten mit leicht angewinkelten Armen. Nun kommt es zu Vor- und Rückbewegungen der Hände

„Cool down“:

Im „Abwärmteil“ sollte der Proband das Cardio-Gerät benutzen, dass für seine individuellen Ziele am besten geeignet ist. Das ist bei dem Probanden das Laufband. Wir haben in den zurückliegenden 6 Wochen die Geschwindigkeit und die Steigung kontinuierlich erhöht. Der Umfang richtet sich auch nach körperlicher und psychischer Verfassung nach einer anstrengenden Trainingseinheit und beruflichem Stress. Als reines „Abwärmen“ reichen 10 Minuten „Auslaufen“ aus. Wenn ein positiver Trainingseffekt stattfinden soll, wären mind. 30 Minuten sinnvoll. Wir werden in Zukunft aber auch außerhalb des Studiobesuchs des Probanden einen Trainingsplan für das Laufen erstellen, so dass das Laufen im Studio zum reinen Auf- und Abwärmen dient.

Übungen zu Hause + Ernährung: Oliver wurde aufgefordert, nach Möglichkeit täglich zu Hause verschiedene isometrische und isokinetische Übungen durchzuführen nach vorangeganger Dehnung. Zudem hat der Proband Ernährungsempfehlungen erhalten (da ich Ernährungswissenschaft studiert habe, auch Ökotrophologie genannt, ist das natürlich kein Problem) zum Aufbau der Muskulatur, für den erhöhten Energieverbrauch und zur Gewichtsreduzierung (Körperfettanteil).


Längerfristige Trainingsplanung

Die Phase 2 im Reha-Plan hat Oliver in der nächsten Woche erfolgreich absolviert.
Die Schmerzen konnten in dieser Phase weiter reduziert werden, die Muskelkraft bzw. Kraftausdauer wurde aufgebaut und zugleich muskuläre Dysbalancen abgebaut. Aufgrund der bevorstehenden Läufe wurde auch großer Wert auf die Erhöhung der Herz-Kreislaufbelastung gelegt sowohl auf dem Laufband selbst wie auf dem Crosstrainer.


Im Vordergrund steht ab der Phase 3 die Hypertrophie der Muskeln und Muskelketten, insbesondere zum Schutz der strapazierten Gelenke und der Wirbelsäule, die beim Laufen und beim schweren Tragen betroffen sind. Das Kreistraining wird durch das Stationstraining ersetzt. Somit wird die Muskulatur noch mehr gefordert mit dem Ziel, in kurzer Zeit eine maximal mögliche Vergrößerung des Muskelquerschnitts zu erreichen. Stand in Phase 2 also die Kraftausdauer im Vordergrund, muss Oliver nun die „Schlagzahl“ erhöhen und die betroffenen Muskeln mehr reizen.

Wie schon erwähnt, wird das Freihantel-Training in Zukunft überwiegend eingesetzt werden und die Geräte mehr und mehr abgesetzt. Natürlich steht auch hier der Schmerz als wichtigster Belastungsindikator an 1. Stelle!

Im Bereich der Propriozeption sind weitere, optimierende Übungen vorgesehen. Bspw. ein Gleichgewichtskasten mit 4 Medizinbällen darunter mit dem Ziel, in Vor-Rück und Seitenlage zu balancieren. Dazu: Gehen auf den Medizinbällen. Der Pezziball wird für isometrische und stabilisierende Übungen eingesetzt.

Außerdem wird das Ausdauertraining weiterhin forciert (siehe Ziel schmerzfrei selbständig Joggen). Die Laufgeschwindigkeit bzw. die Laufstrecke und die Steigung wird kontinuierlich angehoben. Bisher ist Oliver auch hier absolut beschwerdefrei und eine weitere Steigerung ist möglich. Er wird nach erfolgreichem Abschluss der Phase 3 an den Tagen, wo er nicht in unser Studio kommt, selber Trainingseinheiten im Freien durchführen (2x pro Woche). Dafür erhält er von mir einen Trainingsplan.

Wenn Oliver die Phase 3 erfolgreich absolviert hat, sollte er bis zum Schluss, also auch die Phasen 4 und 5 unbedingt durchführen. Dabei wird mehr und mehr das Freihanteltraining zum Zug kommen (das auch zum Teil schon in Phase 3 involviert sein wird).

Das große Ziel (nach dem Joggen), dass der Proband wieder als Fußball-Torwart wird auflaufen können, ist eher unrealistisch aber nicht unmöglich. Er sollte vom Trainer nicht desillusioniert sondern motiviert werden.

Wir müssen die Phase 3 erst einmal erfolgreich und absolut schmerzfrei absolvieren. In Phase 4 wird es zu einem Belastungstraining der ehemals verletzten Strukturen kommen. Sollte sich herausstellen, dass der Proband auch über diesen Zeitraum schmerzfrei ist, kann er nach Absprache mit dem Arzt und dem Fach-Trainer und nach erfolgreichem Durchlauf der Phase 5 u.U. einen Versuch starten.

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Letztes Update: 02-02-2011 12:44

Veröffentlicht in : Sportmedizin, Aktuelles aus der Sportmedizin
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